Kohlfahrten sind Tradition. Und das bereits seit über 150 Jahren. Angeblich hat die erste Kohlfahrt im Jahr 1871 in Oldenburg stattgefunden. Wenn es zum Jahresbeginn im Norden frostig wird, dann ziehen auch heute noch Menschengruppen mit Bollerwagen, Schnaps und Proviant durch die Landschaft. Hauptsächlich durch Ostfriesland, durch das Oldenburger Land und das Ammerland sowie durch die Gegend östlich von Bremen und Bremerhaven. Meist finden Kohlfahrten am Wochenende statt. Es gibt große und kleine Kohlfahrten mit vier oder fast 100 Personen.
Eine Tour dauert oftmals mehrere Stunden und endet traditionell immer in einem Gasthaus bei deftigem Grünkohl, Kochwurst und Pinkel. Im 19. Jahrhundert als sich der Brauch entwickelt hat, war Grünkohl das einzige Gemüse, das im Winter geerntet werden konnte. Bevor man sich den Grünkohl schmecken lässt, ist allerdings zuerst einmal ausgiebig Bewegung angesagt. Und das nicht nur beim Wandern.
Denn zünftige Kohlfahrer Boßeln auch. Für den ostfriesischen Nationalsport braucht man eine Kugel aus Holz, Kunststoff oder Gummi. Der Begriff Boßeln kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet „schlagen, stoßen, klopfen“. Geboßelt wurde bereits im 16. Jahrhundert. Dabei ging es nicht nur um die Gaudi, sondern häufig genug um Geld und Wetteinsätze. Heute treten zwei Teams gegeneinander an und versuchen eine festgelegte Strecke – in der Regel zwischen sieben und zwölf Kilometer – mit möglichst wenigen Würfen zu überwinden. Die verwendeten Kugeln unterscheiden sich regional nach Gewicht und Größe. Gemeinhin hat eine Boßelkugel einen Durchmesser von 10,5 Zentimeter und wiegt ungefähr ein Kilogramm. Für Kinder und Jugendliche gibt es kleinere und leichtere Kugeln. Jeder Werfer versucht eine möglichst große Weite zu erreichen. Der nachfolgende Werfer in jedem Team wirft von der Stelle ab, wo die Kugel seines Vorgängers liegen geblieben ist.
Das spaßige Miteinander sorgt für Unterhaltung und hält warm auch bei Minusgraden. Ach ja, wichtig ist es auch, immer einen sogenannten Grabber dabei zu haben – eine Art Besenstiel mit einem Korb aus Metall am Ende. Nach dem einen oder anderen Schnaps landet die Kugel häufiger auch einmal abseits der Strecke in Pfützen, Büschen oder Gräben …
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